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Warum Menschen lieber scheitern als sich zu ändern

· 6 Minuten Lesezeit · ROTH INSTITUT

Inhalt Zusammengefasst:

Veränderung fällt uns schwer, weil das Gehirn Neues zunächst als Bedrohung einstuft und unbewusste Routinen stark dominieren. Bis zu 90 % unseres Verhaltens laufen automatisch ab, gesteuert durch tief verankerte Gewohnheiten, die sich allein mit rationalem Willen kaum verändern lassen. Menschen halten daher lieber am Bekannten fest, es wirkt sicherer und spart Energie, auch wenn es schadet. Nachhaltiger Wandel gelingt nur, wenn er emotional positiv verknüpft, wiederholt und in einem sicheren Umfeld unterstützt wird. Rationale Appelle oder Befehle greifen zu kurz; wirksam ist vor allem, wenn Veränderungen zu individuellen Motiven und Bedürfnissen passen. Entscheidend sind Vertrauen und positive Erfahrungen, nur so lassen sich Kopf, Herz und Unbewusstes gleichermaßen erreichen.

Warum Menschen lieber scheitern als sich zu ändern

Warum halten Menschen an vertrauten Verhaltensmustern fest, selbst wenn sie wissen, dass diese ihnen schaden? Und weshalb empfinden wir Veränderungen häufig als bedrohlich, obwohl wir uns zugleich Verbesserungen erhoffen? Neurowissenschaftliche Forschung zeigt, dass das Gehirn Neues zunächst als potenzielle Gefahr bewertet (Roth Institut, 2023). Dadurch entsteht ein innerer Widerstand, der bereits bei kleineren Anpassungen spürbar wird. Psychologische Studien verdeutlichen darüber hinaus, dass Gewohnheiten tief im neuronalen Belohnungssystem verankert sind und dadurch eine hohe Stabilität aufweisen (Wood & Rünger, 2016). Dieser Newsletter fasst zentrale Erkenntnisse aus den Arbeiten von Gerhard Roth zusammen und erläutert, weshalb Veränderung schwerfällt und welche Bedingungen dennoch zu erfolgreichem Wandel führen können (Wood & Rünger, 2016).

Neurowissenschaftliche Grundlagen: Warum Wandel Stress auslöst

Das Gehirn betrachtet Neues zunächst als Bedrohung (Schultz, 2016). Die Amygdala, das „Alarmzentrum“ unseres Gehirns, springt an, noch bevor rationale Argumente eine Chance haben (Roth, 2004). Dies erklärt, warum Veränderung oft Angst oder Widerstand hervorruft. Studien zeigen, dass Unsicherheit die Stressreaktion verstärkt und die Kapazität des präfrontalen Cortex, welcher zuständig für Planung und Logik ist, reduziert (Roth, 2001). Veränderung fühlt sich daher beängstigender an, als sie objektiv ist.

Das Unbewusste als Hauptakteur

Gerhard Roth (2008) beschreibt: „Niemand ändert sich auf Kommando“. Unser Verhalten wird in erster Linie von unbewussten Prozessen gesteuert (Roth, 2004). Das limbische System entscheidet schneller, als wir denken können. Das rationale Bewusstsein kann zwar Argumente liefern und Impulse regulieren, doch die erste Tendenz zur Entscheidung entsteht meist im emotionalen und unbewussten Teil des Gehirns. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass automatische Netzwerke bis zu 90 % unseres Handelns bestimmen (Roth Institut, 2023). Auch die Forschung zur Handlungssteuerung verdeutlicht, dass Gewohnheiten durch wiederholte Erfahrungen in Basalganglien und assoziierten Netzwerken tief verankert werden und dadurch schwer zu verändern sind (Graybiel, 2008).

Ein einfaches Beispiel: Wenn wir Auto fahren, greifen wir unbewusst zum Blinker oder schalten in den nächsten Gang, ohne aktiv darüber nachzudenken.
Ähnlich funktioniert es bei unseren Gewohnheiten im Alltag, beispielsweise ob wir nach Feierabend automatisch zur Schokolade greifen oder beim Stress zur Zigarette.
Diese Muster laufen „wie von selbst“ ab, weil das Unbewusste sie gespeichert hat. Genau deshalb ist es so schwer, sie allein durch rationalen Willen zu verändern (Roth, 2015).

Die Grenzen und Möglichkeiten von Veränderung

Roths Vier-Ebenen-Modell der Persönlichkeit macht deutlich: Nicht alles in uns ist gleichermaßen veränderbar (Roth, 2004). Das vegetativ-affektive Selbst und unser Temperament ist weitgehend genetisch geprägt und kaum beeinflussbar. Das unbewusste emotionale Selbst entsteht durch frühe Erfahrungen und ist nur begrenzt veränderbar. Deutlich anpassungsfähiger sind hingegen das sozial-emotionale Selbst, geprägt durch Erziehung und soziale Erfahrungen, sowie das kognitiv-sprachliche Selbst, das bewusst denkt und kommuniziert. Diese oberen Ebenen sind veränderbar, allerdings nur dann nachhaltig, wenn gleichzeitig die unbewussten emotionalen Ebenen mit einbezogen werden (Roth, 2001).

Warum Scheitern manchmal sicherer erscheint

Paradoxerweise entscheiden sich Menschen häufig für das bekannte Scheitern, statt für das unbekannte Risiko (Roth Institut, 2023). Dahinter steckt die Verlustangst: Was wir kennen, erscheint uns sicherer, selbst wenn es uns schadet. Außerdem strebt das Gehirn nach Energieeffizienz. Routinen sparen Kraft, während neue Entscheidungen aufwendig sind; neuere neurowissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass bereits in der Phase vor der bewussten Entscheidung Signale im Gehirn und in der Pupille aktiviert werden, die Aufwand- und Nutzenaspekte abwägen (Kurniawan, Chong & Husain, 2021). Deshalb dominiert der sogenannte Status-quo-Bias: Wir bleiben beim Alten, auch wenn dieser Zustand nicht optimal ist, und übersehen dabei häufig die langfristigen Vorteile einer Veränderung.

Wege zu nachhaltiger Veränderung

Veränderung scheitert oft daran, dass unbewusste Strukturen ignoriert werden.
Roth beschreibt drei Strategien, die unterschiedlich wirksam sind (Roth, 2015):
1. Der Befehl von oben: Veränderungen per Anweisung ausrollen erzeugt meist Stress und Widerstand. Die Menschen machen äußerlich mit, kehren innerlich aber schnell zu alten Routinen zurück.
2. Der Appell an die Einsicht: Rationale Argumente schaffen Verständnis, führen jedoch selten zu dauerhaftem Verhalten, weil das emotionale Selbst nicht eingebunden ist (Roth, 2008).
3. Die Orientierung an der Persönlichkeit: Am wirksamsten ist es, individuelle Motive und Belohnungssysteme zu berücksichtigen. Erst wenn Menschen eine Veränderung emotional als lohnend erleben, wird diese nachhaltig übernommen (Roth Institut, 2023).

Langfristige Mechanismen der Veränderung

Anreize verlieren schnell an Wirkung, wenn sie sich wiederholen. Dabei sind abwechslungsreiche, glaubwürdige Impulse und soziale Sicherheit entscheidend (Roth Institut, 2023). Neurowissenschaftlich gilt, dass neue Muster sich nur durchsetzen, wenn sie wiederholt und positiv emotional aufgeladen werden (Roth, 2001). Veränderung braucht daher Zeit, Wiederholung und ein unterstützendes Umfeld.

Implikationen für Praxis und Führung

Für Führungskräfte und Coaches bedeutet dies, dass rationale Appelle allein in der Regel nicht ausreichen, um Menschen nachhaltig zu einer Veränderung zu bewegen (Roth, 2015). Zwar kann der Hinweis auf soziale Verantwortung oft eine stärkere Wirkung entfalten, doch auch dieser Ansatz stößt schnell an Grenzen. Am wirkungsvollsten ist es daher, die unbewussten Motive von Menschen zu verstehen und Veränderungsprozesse so zu gestalten, dass diese im Einklang mit den individuellen Bedürfnissen stehen (Roth Institut, 2023).

Fazit und Ausblick

Veränderung ist kein einmaliger Akt, sondern ein Prozess. Sie scheitert selten am Willen, sondern daran, dass das unbewusste emotionale System nicht erreicht wird (Roth, 2004). Nachhaltiger Wandel entsteht, wenn Menschen Vertrauen spüren, Sicherheit haben und positive Erfahrungen sammeln (Oreg, Vakola & Armenakis, 2011). Studien zeigen zudem, dass die Wahrnehmung von Fairness und Unterstützung entscheidend dafür ist, ob Veränderung akzeptiert oder abgelehnt wird. Für Führung, Coaching und Change-Management gilt: Wer Veränderung möchte, muss Kopf, Herz und Unbewusstes ansprechen (Roth Institut, 2023).

Literatur:

Roth, G. (2004). Das Gehirn und seine Wirklichkeit: Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen. Suhrkamp Verlag.

Roth, G. (Interview). (2008). Niemand ändert sich auf Kommando. Coaching-Magazin.

Roth, G. (Interview). (2015). Wie veränderbar ist der Mensch? managerSeminare.

Roth Institut (2023). Die Psychologie des Wandels – Warum unser Gehirn Veränderungen oft ablehnt und wie wir es überzeugen können. Wissensjournal.

Graybiel, A. M. (2008). Habits, rituals, and the evaluative brain. Annual Review of Neuroscience, 31(1), 359–387.

Wood, W., & Rünger, D. (2016). Psychology of habit. Annual Review of Psychology, 67(1), 289–314.

Schultz, W. (2016). Dopamine reward prediction error coding. Dialogues in Clinical Neuroscience, 18(1), 23–32.

Kurniawan, I. T., Chong, T. T.-J., & Husain, M. (2021). Anticipatory energization revealed by pupil and brain signals that guide decisions whether to engage in effort to gain money. Journal of Neuroscience, 41(29), 6328–6342.

Oreg, S., Vakola, M., & Armenakis, A. (2011). Change recipients’ reactions to organizational change: A 60-year review of quantitative studies. Journal of Applied Behavioral Science, 47(4), 461–524.

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