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Wissen Führung

Was Führung im Gehirn auslöst: Zwischen Kontrolle, Vertrauen und Motivation

· 5 Minuten Lesezeit · ROTH INSTITUT

Inhalt Zusammengefasst:

Führung wird von Mitarbeitenden nicht nur über Ziele, Entscheidungen und Rückmeldungen erlebt. Auch Tonfall, Verlässlichkeit, Kontrolle und der Umgang mit Fehlern prägen, ob eine Situation Sicherheit oder Bedrohung vermittelt. Vertrauen und psychologische Sicherheit fördern Offenheit und Verantwortungsübernahme. Werden Führung und Kontrolle dagegen als Misstrauen oder Abwertung erlebt, steigt die Wahrscheinlichkeit von Rückzug, Absicherung und Anpassung.

Führung als soziales Signal

Führung wird von Mitarbeitenden nicht nur auf der sachlichen Ebene wahrgenommen. Tonfall, Beziehung und Situation beeinflussen, wie Entscheidungen, Rückmeldungen und Erwartungen eingeordnet werden. Sie können als hilfreiche Orientierung verstanden werden oder das Gefühl auslösen, dass die eigene Kompetenz, Anerkennung oder Zugehörigkeit infrage steht. Es gibt kein einzelnes Hirnareal, das Führung verarbeitet. Vielmehr wirken mehrere neuronale Systeme zusammen, die soziale Situationen einordnen und Stressreaktionen beeinflussen. Das Verhalten einer Führungskraft wird dabei zu einem sozialen Signal. Es vermittelt, ob Beiträge erwünscht sind, Fehler angesprochen werden dürfen und die eigene Position im Team verlässlich ist. Wird Führung als abwertend oder unberechenbar erlebt, richtet sich die Aufmerksamkeit stärker auf mögliche Risiken. Mitarbeitende beschäftigen sich dann weniger mit der Aufgabe und stärker damit, negative Folgen zu vermeiden. Wahrgenommene soziale Unsicherheit kann dabei psychologische und biologische Stressprozesse beeinflussen (Slavich, 2020).

Kontrolle zwischen Orientierung und Misstrauen

Kontrolle ist nicht grundsätzlich negativ. Klare Ziele, verlässliche Zuständigkeiten und nachvollziehbare Erwartungen helfen Mitarbeitenden, Anforderungen einzuschätzen und selbstständig zu handeln. Problematisch wird Kontrolle, wenn sie als Misstrauen erlebt wird. Werden Arbeitsschritte ständig überprüft oder müssen Entscheidungen immer wieder gerechtfertigt werden, kann der Eindruck entstehen, dass der eigenen Kompetenz nicht vertraut wird. Mitarbeitende sichern sich dann häufiger ab, melden Probleme später oder stimmen zu, obwohl sie Bedenken haben. Was wie fehlende Initiative wirkt, kann deshalb eine Form des Selbstschutzes sein. Forschung zu sozialem Ausschluss zeigt, dass Menschen in belastenden Situationen nicht nur die Aufgabe bewerten, sondern auch ihre eigene Stellung innerhalb einer Gruppe (Mwilambwe Tshilobo & Spreng, 2021).

Vertrauen ermöglicht Offenheit

Ob Kontrolle als Orientierung oder Misstrauen verstanden wird, hängt wesentlich von der Beziehung zur Führungskraft ab. Vertrauen entsteht durch Verlässlichkeit, Fairness und nachvollziehbare Entscheidungen. Es beeinflusst, ob Menschen Verantwortung übernehmen oder sich vor möglichen Konsequenzen schützen (Legood et al., 2021). Vertrauen verändert auch die Wirkung von Feedback. In einer stabilen Beziehung kann Kritik als Unterstützung verstanden werden. Fehlt diese Grundlage, wird dieselbe Rückmeldung schneller als Angriff auf Kompetenz oder Status erlebt.

Eng damit verbunden ist psychologische Sicherheit. Sie beschreibt die gemeinsame Überzeugung eines Teams, dass Fragen, Zweifel und Fehler offen angesprochen werden können, ohne persönliche Nachteile befürchten zu müssen (Edmondson & Bransby, 2023). Das bedeutet nicht, dass Konflikte oder Kritik vermieden werden. Es bedeutet, dass Probleme sichtbar werden dürfen und gemeinsam bearbeitet werden können.

Motivation braucht Handlungsspielraum

Druck kann kurzfristig Verhalten auslösen, erzeugt aber nicht automatisch Engagement. Menschen können Vorgaben erfüllen und sich innerlich dennoch zurückziehen. Nach der Selbstbestimmungstheorie wird Motivation gefördert, wenn Menschen sich kompetent und sozial eingebunden fühlen und Einfluss auf ihr eigenes Handeln erleben (Deci et al., 2017). Führung sollte deshalb Orientierung geben, ohne jeden Schritt vorzugeben. Mitarbeitende brauchen einen klaren Rahmen, innerhalb dessen sie eigene Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen können. Autonomie unterstützende Führung steht mit höherer Motivation, größerem Wohlbefinden und förderlichem Arbeitsverhalten in Verbindung (Slemp et al., 2018).

Was Führungskräfte konkret tun können

  • Orientierung schaffen

Erwartungen und Entscheidungen sollten nachvollziehbar sein. Ein klarer Rahmen verringert Unsicherheit und erleichtert eigenständiges Handeln.

  • Verhalten statt Personen bewerten

Kritik sollte sich auf konkrete Situationen und ihre Auswirkungen beziehen. Pauschale Urteile erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Abwehr.

  • Reaktionen ernst nehmen

Weniger Rückfragen, häufiges Absichern oder verspätete Problemmeldungen können darauf hinweisen, dass Offenheit als Risiko erlebt wird. Dann sollte geklärt werden, ob mehr Vertrauen, Orientierung oder Handlungsspielraum notwendig ist.

Fazit

Führung wirkt nicht nur über Ziele und Entscheidungen. Sie vermittelt auch, ob Mitarbeitende sich anerkannt, sicher und handlungsfähig fühlen. Diese soziale Bewertung beeinflusst, ob Menschen offen sprechen und Verantwortung übernehmen oder ob sie sich absichern und zurückziehen.

Die neurowissenschaftliche Perspektive macht verständlich, warum vergleichbare Führungssituationen unterschiedliche Reaktionen auslösen können. Entscheidend ist nicht nur, was eine Führungskraft beabsichtigt, sondern wie ihr Verhalten aufgrund der Beziehung und bisheriger Erfahrungen eingeordnet wird. Gute Führung verbindet deshalb Klarheit mit Vertrauen und angemessenem Handlungsspielraum.

Literatur:

Deci, E. L., Olafsen, A. H., & Ryan, R. M. (2017). Self determination theory in work organizations: The state of a science. Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior, 4, 19–43.

Edmondson, A. C., & Bransby, D. P. (2023). Psychological safety comes of age: Observed themes in an established literature. Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior, 10, 55–78.

Legood, A., van der Werff, L., Lee, A., & Den Hartog, D. (2021). A meta analysis of the role of trust in the leadership performance relationship. European Journal of Work and Organizational Psychology, 30(1), 1–22.

Mwilambwe Tshilobo, L., & Spreng, R. N. (2021). Social exclusion reliably engages the default network: A meta analysis of Cyberball. NeuroImage, 227, Article 117666.

Slavich, G. M. (2020). Social safety theory: A biologically based evolutionary perspective on life stress, health, and behavior. Annual Review of Clinical Psychology, 16, 265–295.

Slemp, G. R., Kern, M. L., Patrick, K. J., & Ryan, R. M. (2018). Leader autonomy support in the workplace: A meta analytic review. Motivation and Emotion, 42(5), 706–724.

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