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Wertschätzung als Führungs Tool: Kleine Geste, große Wirkung

· 6 Minuten Lesezeit · ROTH INSTITUT

Inhalt Zusammengefasst:

Wertschätzung ist weit mehr als ein freundliches Lob im Vorbeigehen. Sie prägt, ob Mitarbeitende sich gesehen, ernst genommen und zugehörig fühlen. Auch aus neurowissenschaftlicher Sicht sind solche sozialen Erfahrungen relevant, weil unser Gehirn fortlaufend bewertet, was belohnend, sicher oder belastend ist. Dabei spielen unter anderem dopaminerge Lernprozesse sowie Systeme der sozialen Bindung und Stressregulation eine Rolle. Entscheidend ist jedoch: Führungskräfte können nicht gezielt Dopamin oder Oxytocin „anschalten“. Sie können aber die Bedingungen gestalten, unter denen Vertrauen, Motivation und Zugehörigkeit entstehen. Wirksame Wertschätzung ist deshalb konkret, glaubwürdig und aufmerksam. Wer Beiträge sichtbar macht, ernsthaft zuhört und Anerkennung nicht zur Floskel werden lässt, schafft soziale Erfahrungen, die Zusammenarbeit und Motivation langfristig unterstützen können.

Wertschätzung als Führungs Tool: Kleine Geste, große Wirkung

Wertschätzung wird im Führungsalltag manchmal noch immer mit „nett sein“ oder gelegentlichem Lob gleichgesetzt. Dabei geht es um deutlich mehr. Menschen reagieren sensibel darauf, ob ihr Beitrag wahrgenommen wird, ob sie sich zugehörig fühlen und wie andere mit ihnen umgehen. Gerade Führungskräfte prägen diese sozialen Erfahrungen im Arbeitsalltag entscheidend mit.

Auch aus neurowissenschaftlicher Perspektive sind solche Erfahrungen keineswegs nebensächlich. Unser Gehirn verarbeitet fortlaufend Informationen darüber, was belohnend, relevant, sicher oder potenziell bedrohlich ist. Wertschätzung kann deshalb einen wichtigen Beitrag dazu leisten, Motivation, Vertrauen und Zusammenarbeit zu unterstützen.

Warum Anerkennung für unser Gehirn relevant ist

Das menschliche Gehirn ist darauf ausgerichtet, aus positiven und negativen Erfahrungen zu lernen. Eine wichtige Rolle spielt dabei das dopaminerge System. Dopamin ist unter anderem an der Verarbeitung von Belohnungen, Erwartungen und Lernsignalen beteiligt. Besonders relevant ist dabei nicht nur die Belohnung selbst, sondern auch die Frage, ob ein positives Ergebnis erwartet wurde oder überraschend eintritt (Schultz, 2016).

Auch soziale Anerkennung kann als positiv und belohnend erlebt werden. Wenn eine Führungskraft beispielsweise einen konkreten Beitrag wahrnimmt, ehrliches Interesse zeigt oder eine besondere Leistung anerkennt, entsteht damit zunächst vor allem eines: eine positive soziale Erfahrung.

Für Führung bedeutet das allerdings nicht, möglichst häufig zu loben. Entscheidend ist, dass Wertschätzung glaubwürdig und konkret ist.

Ein allgemeines „Gut gemacht“ kann schnell zur Routine werden. Anders wirkt eine Rückmeldung wie:

„Mir ist aufgefallen, wie ruhig und klar du das schwierige Gespräch geführt hast. Gerade in der angespannten Situation hat das sehr geholfen.“

Die Führungskraft macht damit sichtbar, was sie wahrgenommen hat und warum dieser Beitrag bedeutsam war.

Wertschätzung schafft soziale Erfahrungen

Neben Belohnungs- und Lernprozessen spielt auch unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit eine wichtige Rolle. Menschen beobachten sehr genau, ob sie Teil einer sozialen Gemeinschaft sind, ob ihre Beiträge wahrgenommen werden und wie andere auf sie reagieren.

Forschung zu sozialer Zurückweisung zeigt beispielsweise, dass Ausschluss keineswegs nur eine abstrakte soziale Erfahrung darstellt. Er wird in neuronalen Systemen verarbeitet, die auch an der Verarbeitung belastender Erfahrungen beteiligt sind (Eisenberger & Lieberman, 2004).

Das bedeutet nicht, dass fehlendes Lob automatisch eine Stressreaktion auslöst. Entscheidend ist vielmehr das Gesamtbild. Werden Mitarbeitende über längere Zeit übergangen, abgewertet oder mit ihren Beiträgen nicht wahrgenommen, kann dies beeinflussen, wie sie ihre Rolle, ihre Zugehörigkeit und die Zusammenarbeit mit ihrer Führungskraft bewerten.

Umgekehrt können wiederholte Erfahrungen von Anerkennung, Interesse und verlässlicher Zusammenarbeit Erwartungen darüber prägen, wie sicher und wertschätzend soziale Interaktionen im Arbeitsalltag erlebt werden (Roth & Ryba, 2016).

Und was ist mit Oxytocin?

Oxytocin wird häufig vereinfacht als „Bindungs“ oder „Vertrauenshormon“ bezeichnet. Tatsächlich ist seine Rolle deutlich komplexer. Untersuchungen zeigen, dass Oxytocin an sozialen Prozessen und Vertrauensentscheidungen beteiligt sein kann. So führte die experimentelle Gabe von Oxytocin in einer bekannten Studie zu einer erhöhten Bereitschaft, anderen Menschen in einem ökonomischen Entscheidungsspiel zu vertrauen (Kosfeld et al., 2005).

Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass ein Lob durch die Führungskraft automatisch Oxytocin ausschüttet oder sich Vertrauen biologisch „anschalten“ lässt.

Die Erkenntnisse machen vielmehr deutlich, wie eng soziale Erfahrungen, Vertrauen und biologische Regulationsprozesse miteinander verbunden sind. Führungskräfte gestalten diese Prozesse nicht unmittelbar auf hormoneller Ebene. Sie gestalten jedoch die sozialen Bedingungen, unter denen Vertrauen entstehen kann.

Was passiert, wenn Wertschätzung dauerhaft fehlt?

Auch hier lohnt sich ein differenzierter Blick. Nicht jede fehlende Anerkennung führt unmittelbar zu Stress. Problematisch kann es jedoch werden, wenn Mitarbeitende über längere Zeit erleben, dass ihr Einsatz kaum wahrgenommen wird, Erwartungen unklar bleiben oder ihre Beiträge selbstverständlich genommen werden.

Stress entsteht insbesondere dann, wenn Situationen als belastend, schwer kontrollierbar oder dauerhaft nicht bewältigbar erlebt werden. Die körperliche Stressreaktion unterstützt uns kurzfristig dabei, auf Anforderungen zu reagieren. Wird sie jedoch dauerhaft aktiviert, kann dies unter anderem Konzentration, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit beeinträchtigen (Harvard Health Publishing, 2024).

Für Führungskräfte bedeutet das: Sie können nicht steuern, wie viel Cortisol oder Dopamin ein:e Mitarbeiter:in ausschüttet. Sie können aber sehr wohl beeinflussen, welche Erfahrungen Menschen im Arbeitsalltag machen.

Herausforderungen bei der Implementierung von Shared Leadership

Was Wertschätzung im Führungsalltag konkret bedeutet

Wirksame Wertschätzung muss weder aufwendig noch künstlich sein. Häufig sind es kleine Situationen, die den Unterschied machen.

Leistung konkret wahrnehmen

Nicht nur sagen, dass etwas „gut“ war, sondern benennen, was konkret gelungen ist und welchen Beitrag es geleistet hat.

Interesse zeigen

Nachfragen, zuhören und Ideen ernsthaft aufnehmen. Wertschätzung zeigt sich nicht nur in Lob, sondern auch darin, anderen Aufmerksamkeit zu schenken.

Beiträge sichtbar machen

Gerade Leistungen, die im Alltag schnell selbstverständlich werden, bewusst wahrnehmen und benennen.

Auch kritisches Verhalten anerkennen

Wertschätzung bedeutet nicht, ausschließlich Ergebnisse zu loben. Auch wenn jemand Verantwortung übernimmt, einen Fehler offen anspricht oder eine unbequeme Perspektive einbringt, kann dies Anerkennung verdienen.

Authentisch bleiben

Standardisiertes Lob verliert schnell an Wirkung. Wertschätzung sollte zum tatsächlichen Verhalten und zur Person passen.

Damit wird deutlich: Wertschätzung ist kein einzelnes Führungsinstrument, das bei Bedarf eingesetzt wird. Sie zeigt sich vielmehr darin, wie Führungskräfte Menschen wahrnehmen und mit ihnen interagieren.

Fazit

Wertschätzung ist weit mehr als ein freundliches Extra guter Führung. Sie prägt soziale Erfahrungen und kann dazu beitragen, dass Menschen sich gesehen, zugehörig und in ihrem Beitrag ernst genommen fühlen.

Die Neurowissenschaft hilft dabei zu verstehen, warum solche Erfahrungen für unser Gehirn relevant sind. Dabei geht es nicht darum, durch das „richtige“ Führungsverhalten gezielt Dopamin oder Oxytocin freizusetzen. Führung wirkt nicht über einen einfachen hormonellen Schalter.

Führungskräfte gestalten vielmehr die Bedingungen, unter denen Menschen Zusammenarbeit als wertschätzend, verlässlich und motivierend erleben.

Und genau deshalb können kleine Gesten eine große Wirkung entfalten.

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Literatur:

Eisenberger, N. I. & Lieberman, M. D. (2004). Why rejection hurts: A common neural alarm system for physical and social pain. Trends in Cognitive Sciences, 8(7), 294–300.

Fareri, D. S. & Delgado, M. R. (2014). Social rewards and social networks in the human brain. The Neuroscientist, 20(4), 387–402.

Harvard Health Publishing. (2024). Understanding the stress response. Harvard Medical School.

Kosfeld, M., Heinrichs, M., Zak, P. J., Fischbacher, U. & Fehr, E. (2005). Oxytocin increases trust in humans. Nature, 435(7042), 673–676.

Roth, G. & Ryba, A. (2016). Coaching, Beratung und Gehirn: Neurobiologische Grundlagen wirksamer Veränderungskonzepte. Klett-Cotta.

Roth, G. & Strüber, N. (2018). Wie das Gehirn die Seele macht. Klett-Cotta.

Schultz, W. (2016). Dopamine reward prediction-error signalling: A two-component response. Nature Reviews Neuroscience, 17(3), 183–195.

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