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Wenn das Gehirn auf Schutz schaltet: Warum Teams psychologische Sicherheit brauchen

· 5 Minuten Lesezeit · ROTH INSTITUT

Inhalt Zusammengefasst:

Psychologische Sicherheit bedeutet, dass Mitarbeitende Fragen, Zweifel, Fehler und Kritik offen ansprechen können, ohne Abwertung befürchten zu müssen. Sie fördert Lernen, Zusammenarbeit und bessere Entscheidungen. Führungskräfte stärken sie, indem sie zuhören, unterschiedliche Perspektiven einladen und konstruktiv auf schwierige Hinweise reagieren. Dadurch können Teams Risiken früher erkennen und gemeinsam aus Erfahrungen lernen.

Einstieg aus dem Teamalltag

Ein gewöhnliches Teammeeting kann bereits zeigen, wie offen in einer Gruppe tatsächlich gesprochen wird. Während ein neuer Vorschlag vorgestellt wird, erkennt eine Mitarbeiterin ein mögliches Problem. Sie überlegt kurz, ob sie es ansprechen soll, entscheidet sich dann aber dagegen. Auch die anderen bleiben still. Für die Führungskraft kann dieser Moment wie Zustimmung wirken. Tatsächlich sagt das Schweigen jedoch wenig darüber aus, ob alle überzeugt sind. Vielleicht fehlen die richtigen Worte, vielleicht erscheint der Zeitpunkt ungünstig oder die mögliche Reaktion ist schwer einzuschätzen. Was nach Einigkeit aussieht, kann daher auch Selbstschutz sein. Genau an diesem Punkt beginnt die Frage nach psychologischer Sicherheit im Team.

Psychologische Sicherheit

Psychologische Sicherheit beschreibt die gemeinsame Überzeugung eines Teams, dass es möglich ist, zwischenmenschliche Risiken einzugehen. Mitarbeitende können Fragen stellen, Zweifel äußern, Fehler ansprechen oder widersprechen, ohne befürchten zu müssen, dafür beschämt, abgewertet oder unangemessen bestraft zu werden (Edmondson, 1999). Forschungsergebnisse zeigen, dass psychologische Sicherheit mit Lernverhalten, Informationsaustausch und Leistung zusammenhängt (Frazier et al., 2017). Sie bedeutet jedoch nicht, Konflikte zu vermeiden oder jede Meinung zu bestätigen. Unterschiedliche Sichtweisen und kritische Rückmeldungen bleiben wichtig. Psychologische Sicherheit schließt klare Ziele, Verantwortung und hohe Leistungsstandards nicht aus. Entscheidend ist, dass auch schwierige Themen offen, respektvoll und sachlich bearbeitet werden können (Edmondson und Bransby, 2023).

Warum Menschen auf Schutz schalten

Menschen bewerten soziale Situationen fortlaufend danach, ob sie sich respektiert, zugehörig oder anerkannt fühlen. Entsteht der Eindruck, abgewertet, ausgeschlossen oder bloßgestellt zu werden, kann dies als soziale Bedrohung erlebt werden. Die Aufmerksamkeit richtet sich dann stärker auf mögliche Risiken. Menschen werden vorsichtiger, ziehen sich zurück oder passen ihre Aussagen an, um negative Folgen zu vermeiden (Slavich, 2020). Diese Schutzreaktion ist menschlich und zunächst nachvollziehbar. Hält die wahrgenommene Bedrohung jedoch länger an, kann sie Stress verstärken und die Aufmerksamkeit zunehmend auf Selbstschutz richten. Wer vor allem damit beschäftigt ist, Fehler, Kritik oder Statusverlust zu vermeiden, beteiligt sich meist weniger offen an Gesprächen und Lernprozessen. Psychologische Sicherheit schafft dagegen Bedingungen, unter denen Menschen eher bereit sind, Fragen zu stellen, Unsicherheiten anzusprechen und eigene Ideen einzubringen (Frazier et al., 2017).

Folgen für Zusammenarbeit und Lernen

Für die Zusammenarbeit wird es problematisch, wenn wichtige Informationen nicht ausgesprochen werden. Werden Fehler verschwiegen, Fragen vermieden, Risiken erst spät benannt oder Ideen zurückgehalten, kann ein Team Schwierigkeiten weder rechtzeitig erkennen noch gemeinsam daraus lernen. Gerade bei komplexen Aufgaben ist kein einzelnes Teammitglied in der Lage, alle Zusammenhänge zu überblicken. Gute Entscheidungen entstehen deshalb durch unterschiedliche Perspektiven, kritische Rückfragen und ehrlichen Widerspruch. Teams lernen nicht allein dadurch, dass Fehler vermieden werden. Lernen wird wahrscheinlicher, wenn Unsicherheiten, Probleme und relevante Beobachtungen frühzeitig geteilt und gemeinsam ausgewertet werden (Newman et al., 2017).

Die Rolle von Führung

Mitarbeitende beobachten genau, wie Führungskräfte auf Kritik, Fehler und schlechte Nachrichten reagieren. Wer mit Schuldzuweisungen, Ärger oder Abwertung rechnen muss, wird problematische Informationen künftig eher zurückhalten. Zeigt eine Führungskraft dagegen echtes Interesse an Ursachen und möglichen Lösungen, unterstützt dies ein Klima, in dem auch schwierige Beobachtungen angesprochen werden können (Newman et al., 2017). Psychologische Sicherheit entsteht dabei nicht durch eine einmalige Aufforderung zur Offenheit. Sie entwickelt sich durch wiederholte Erfahrungen im Arbeitsalltag. Entscheidend ist deshalb nicht nur, ob eine Führungskraft Offenheit einfordert, sondern auch, ob sie Rückfragen zulässt, eigene Fehler anerkennt und auf kritische Hinweise konstruktiv reagiert (Edmondson und Bransby, 2023).

Praktische Ansatzpunkte

Ob psychologische Sicherheit im Alltag tatsächlich besteht, zeigt sich vor allem daran, wie Teams mit Einwänden, Fehlern und schlechten Nachrichten umgehen. In Besprechungen kann es hilfreich sein, gezielt nach Risiken, offenen Fragen und anderen Perspektiven zu fragen. Stille ist nicht automatisch Zustimmung, denn relevante Bedenken können unausgesprochen bleiben. Führungskräfte können Offenheit fördern, indem sie aufmerksam zuhören und auf kritische Hinweise konstruktiv reagieren (Edmondson und Bransby, 2023). Bei Fehlern sollten zunächst Ursachen und Rahmenbedingungen betrachtet werden, bevor vorschnell bewertet wird. Auch gemeinsame Reflexionen nach Projekten können helfen, Erfahrungen auszuwerten und konkrete Verbesserungen abzuleiten. Psychologische Sicherheit unterstützt solche Lernprozesse, weil Probleme und Unsicherheiten eher angesprochen werden (Newman et al., 2017).

Fazit

Psychologische Sicherheit zeigt sich nicht darin, dass in einem Team immer Einigkeit herrscht. Sie zeigt sich darin, dass Fragen, Fehler, Zweifel und kritische Hinweise ausgesprochen werden können, auch wenn sie unbequem sind. Gerade diese Offenheit ermöglicht es, Risiken früh zu erkennen, unterschiedliche Perspektiven zu nutzen und gemeinsam zu lernen. Entscheidend ist deshalb nicht nur, ob Mitarbeitende zum Sprechen aufgefordert werden, sondern auch, welche Erfahrungen sie machen, wenn sie tatsächlich etwas Schwieriges ansprechen. Psychologische Sicherheit entsteht dort, wo Offenheit wiederholt ernst genommen und konstruktiv beantwortet wird.

Literatur:

Edmondson, A. (1999). Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative science quarterly44(2), 350-383.

Edmondson, A. C., & Bransby, D. P. (2023). Psychological safety comes of age: Observed themes in an established literature. Annual review of organizational psychology and organizational behavior10(1), 55-78.

Frazier, M. L., Fainshmidt, S., Klinger, R. L., Pezeshkan, A., & Vracheva, V. (2017). Psychological safety: A meta‐analytic review and extension. Personnel psychology70(1), 113-165.

Newman, A., Donohue, R., & Eva, N. (2017). Psychological safety: A systematic review of the literature. Human resource management review27(3), 521-535.

Slavich, G. M. (2020). Social safety theory: a biologically based evolutionary perspective on life stress, health, and behavior. Annual review of clinical psychology16(1), 265-295.

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